Merke(l): Kompromisse sind nervenaufreibend

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„Kompromiss, Kompromiss, Kompromiss“, tönt es landauf landab in Österreich, seit am 12. Februar 2025 die Koalitionsverhandlungen von FPÖ und ÖV krachend gescheitert sind. Angela Merkel beschreibt in ihrem Buch „Freiheit“ “ (Kiepenheuer &Witsch) ihre 16-jährige Erfahrung mit Kompromissen.

Um Ergebnisse zu erzielen, bedurfte es des Kompromisses, schreibt Merkel. Laut Duden ist das „eine Übereinkunft durch gegenseitig Zugeständnisse“. Die deutsche Ex-Kanzlerin fasst diesen Begriff etwas genauer. Für sie ist Kompromiss „eine Übereinkunft, bei der die Vorteile die Nachteile überwiegen.“ Kompromisse zu finden „war kein Spaziergang, sondern ein nervenaufreibender, häufig schmerzhafter Prozess“.

Oft ging es darum, mit Staaten Vereinbarungen zu treffen, die völlig andere Werte vertraten oder die gegen andere oder im Inneren bewaffnete Konflikte austragen. Dann betrieb Angela Merkel „gelebte Realpolitik“, die sie so beschreibt: „Das erforderte, dass ich stets und ständig zwischen eigenen Werten und den eigenen Interessen abwägen musste“. Und an anderer Stelle weiter: Man müsse auch mit den Augen der anderen sehen. ..Das setzte voraus, von dem anderen etwas zu wissen und ihn verstehen zu wollen“, so Merkel. Auch die Übereinkunft mit der Türkei, durch welche die Migration nach Europa stark gebremst werden konnte, sei kein schmutziger „Deal“ gewesen, sondern eine Übereinkunft, nicht mehr und nicht weniger.

Ratschlag vom Papst: Biegen, biegen

Bemerkenswert, dass die Tochter eines Pastors und gestandene Christin sogar Papst Franziskus um Rat fragte, wie er mit fundamental verschiedenen Meinungen umgehen würde. Der Papst antwortete ihr schnörkellos: Biegen, biegen, biegen, aber achten, dass es nicht bricht.

Die von Merkel beschworenen Zusammenarbeit, Kompromissfähigkeit oder ihre „gelebte Realität“, scheinen heute irgendwie in der Versenkung verschwunden zu sein, wenn es aus allen möglichen Kanälen penetrant tönt: Her mit den Zöllen, Grenzmauern, nieder mit dem Rechtsstaat, Schluss mit Globalisierung, dafür Abschottung, Ausgrenzung, Freiheit für Mörder und Weg frei für die digitale Diktatur. Wenn man  liest, mit wieviel Mühe, großen Energien, langen Konferenzen und Sitzungen weltweite Abkommen ausgehandelt wurden und welch konstruktive Rolle dabei gerade die Politiker aus den USA gespielt haben, muss aufpassen, nicht in Schwermut zu verfallen – angesichts des brutalen und atemberaubenden Tempos, mit dem der aktuelle Präsident der USA derzeit vieles niedertrampeln will.

Nüchtern, verständlich, glasklar

Eher unaufgeregt blickt Angela Merkel auf wichtige Entscheidungen ihrer langen Amtszeit zurück. Auf 736 Seiten schildert sie Abläufe vor und hinter den Kulissen, die weit über Deutschland hinausgingen und liefert dazu jede Menge Hintergrundinformationen. Auffallend an diesem Werk ist der nüchterne Schreibstil: Jedes Wort überlegt, jeder Satz verständlich, der Inhalt glasklar. Vieles lässt sie unter den Tisch fallen. Kein Wort zum Diesel-Abgasskandal, der federführend von drei deutschen Autoherstellern ausgelöst und weltweit Millionen von Autos erfasste, Umwelt und die Gesundheit der Menschen bis heute gefährdet. Dafür nur Lob für die Abwrackprämie, mit der 2008 zwei Millionen alte Dieselautos in Deutschland aus dem Verkehr gezogen wurden, was den deutschen Staat 5 Milliarden Euro kostete. Dass die damals neu gekauften Dieselfahrzeuge allesamt manipuliert waren und bis heute zu viel schädliche Abgase ausstoßen, lässt sie außen vor.

Österreich kommt kaum vor, kein Wort über Kurz

Österreich kommt nur am Rande vor. Während es Ex-Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) auf ein Bild und drei Erwähnungen bringt, kommt Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) mit keiner einzigen Silbe vor. Immerhin enthüllt Merkel, dass sie bis heute mit Ex-Umweltminister Martin Bartenstein und dessen Ehefrau Ilse befreundet ist.

Wer sich intime Einblicke oder gar brisante Neuigkeiten erwartet, wird enttäuscht. Nur hie und da lässt die Ex-Kanzlerin Persönliches durchblitzen. Warum sie grelle Farben liebt, an Samstagen gerne für ihren Mann kochte (damit ich nicht aus der Übung kommt), jeden Morgen ihr Team zur „Morgenlage“ versammelte und den Ausblick aus ihrem Kanzlerbüro ebenso liebte wie den Konferenzraum einen Stock drüber. Warum die Ex-Kanzlerin so gern und so oft die Salzburger Festspiele besucht hat, bleibt aber ebenso ein Geheimnis wie, warum sie so oft und so gerne im abgelegenen Teil Südtirols (im Vinschgau) Urlaub gemacht hat.